Osteoporose vorbeugen und behandeln ab 60: Was Sie jetzt wissen müssen

Medizinisch geprüft — Dr. Karl Hoffmann, Kardiologe 6 Min Lesezeit

Osteoporose vorbeugen und behandeln ab 60: Was Sie jetzt wissen müssen

Stellen Sie sich vor, Sie stolpern kurz über eine Türschwelle – und brechen sich dabei einen Knochen. Was dramatisch klingt, ist für viele Menschen ab 60 traurige Realität. Osteoporose, auch „Knochenschwund“ genannt, ist eine der häufigsten Erkrankungen im Alter. In Deutschland leiden rund 6 Millionen Menschen daran – die meisten wissen es nicht einmal.

Ich bin seit über 25 Jahren Arzt. Ich erlebe es regelmäßig in meiner Praxis: Patienten kommen nach einem Sturz, und erst dann stellt sich heraus – die Knochen waren schon lange zu schwach. Das muss nicht sein. Denn Osteoporose lässt sich vorbeugen, früh erkennen und gut behandeln. Ich erkläre Ihnen heute, wie das geht – verständlich, ehrlich und mit konkreten Tipps, die Sie sofort umsetzen können.


Was ist Osteoporose – und warum trifft es uns ab 60 so häufig?

Unsere Knochen sind kein starres Gerüst. Sie leben, bauen sich ständig ab und wieder auf. Bis etwa zum 30. Lebensjahr überwiegt der Aufbau. Danach dreht sich das Verhältnis langsam um. Ab 60 kann dieser Prozess kritisch werden.

Bei Osteoporose verliert der Knochen seine Dichte und Stabilität. Im Inneren entstehen winzige Löcher – wie bei einem Schwamm. Der Knochen bricht leichter, manchmal schon bei kleinen Belastungen.

Besonders betroffen sind:

  • Frauen nach den Wechseljahren – der Abfall des Östrogens beschleunigt den Knochenabbau erheblich
  • Männer ab 70 – auch hier sinkt der Testosteronspiegel und damit der Knochenschutz
  • Menschen mit Bewegungsmangel oder Untergewicht
  • Patienten, die dauerhaft Kortison einnehmen müssen
  • Menschen mit Kalzium- oder Vitamin-D-Mangel

Das Tückische: Man spürt die schwindende Knochendichte nicht. Keine Schmerzen, kein Warnsignal – bis es zu spät ist. Deshalb ist Vorsorge so wichtig.


Früherkennung: Diese Untersuchungen sollten Sie kennen

Das Gute ist: Osteoporose lässt sich messen, bevor etwas passiert. Die wichtigste Untersuchung ist die sogenannte Knochendichtemessung (DXA-Messung). Das ist völlig schmerzlos, dauert nur wenige Minuten und ist so ungefährlich wie eine normale Röntgenaufnahme – die Strahlenbelastung ist sogar deutlich geringer.

Bei der DXA-Messung wird die Knochendichte an der Lendenwirbelsäule und am Oberschenkelknochen gemessen. Das Ergebnis zeigt, wie stabil Ihre Knochen noch sind.

Wann sollten Sie zur Knochendichtemessung?

  • Frauen ab dem 60. Lebensjahr – spätestens nach den Wechseljahren
  • Männer ab dem 70. Lebensjahr
  • Früher, wenn Risikofaktoren vorliegen (Kortison-Dauertherapie, familiäre Vorbelastung, frühere Knochenbrüche)
  • Nach jedem nicht erklärlichen Knochenbruch – unabhängig vom Alter

In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten, wenn ein begründeter Verdacht oder Risikofaktoren vorliegen. Sprechen Sie mich oder Ihren Hausarzt darauf an. Es lohnt sich.


Kalzium und Vitamin D: Die wichtigsten Bausteine für starke Knochen

Wenn ich meinen Patienten erkläre, was Knochen brauchen, nenne ich immer zwei Namen zuerst: Kalzium und Vitamin D. Ohne diese beiden läuft beim Knochenaufbau gar nichts.

Kalzium ist der eigentliche Baustoff des Knochens. Erwachsene ab 60 brauchen täglich etwa 1.000 bis 1.200 Milligramm. Das klingt viel – ist aber über die Ernährung gut erreichbar.

Gute Kalziumquellen sind:

  • Milch und Milchprodukte – Käse, Joghurt, Quark
  • Grünes Gemüse – Brokkoli, Grünkohl, Fenchel
  • Mineralwasser mit hohem Kalziumgehalt (über 400 mg/Liter)
  • Mandeln und Sesam
  • Sardinen und Lachs (mit Gräten)

Vitamin D ist der Schlüssel, der das Kalzium in den Knochen bringt. Unser Körper bildet Vitamin D durch Sonnenlicht – aber viele ältere Menschen verbringen zu wenig Zeit draußen. In Deutschland ist ein Vitamin-D-Mangel bei Senioren weit verbreitet.

Mein Rat: Lassen Sie Ihren Vitamin-D-Spiegel im Blut messen. Ist er zu niedrig, empfehle ich in der Regel Vitamin-D-Präparate – gerne in Rücksprache mit Ihrem Arzt, denn die richtige Dosierung ist wichtig.


Bewegung als Medizin: Wie Sport Ihre Knochen stärkt

Ich sage meinen Patienten immer: Knochen sind wie Muskeln – sie brauchen Belastung, um stark zu bleiben. Wer sich wenig bewegt, verliert Knochenmasse. Wer regelmäßig aktiv ist, schützt sich.

Dabei gilt: Nicht jede Bewegung ist gleich gut für die Knochen. Schwimmen oder Radfahren sind wunderbar für Herz und Gelenke – fürs Knochenwachstum sind sie aber weniger geeignet, weil kaum Körpergewicht getragen wird.

Besonders wirksam für die Knochengesundheit sind:

  • Spazierengehen und Wandern – täglich 30 Minuten sind ein guter Anfang
  • Krafttraining – auch leichte Gewichte oder Übungen mit dem eigenen Körpergewicht helfen
  • Tanzen – Rhythmus und Bewegung, eine Freude für Knochen und Seele
  • Tai Chi und Yoga – verbessern Gleichgewicht und Koordination, senken das Sturzrisiko
  • Treppensteigen – kostet nichts und trainiert täglich

Besonders wichtig ist auch das Gleichgewichtstraining. Denn Osteoporose allein bricht keinen Knochen – erst der Sturz tut es. Wer sicher steht und gut reagiert, stürzt seltener. Programme wie Sturz-Prophylaxe-Kurse werden von vielen Krankenkassen gefördert – fragen Sie nach.


Medikamentöse Behandlung: Was hilft wirklich?

Wenn die Knochendichte bereits deutlich gesunken ist oder gar schon ein Bruch aufgetreten ist, reichen Ernährung und Bewegung allein oft nicht mehr aus. Dann kommen Medikamente ins Spiel.

Die wichtigsten Medikamentengruppen bei Osteoporose:

  • Bisphosphonate (z. B. Alendronsäure, Zoledronat) – hemmen den Knochenabbau, sehr gut erforscht und wirksam
  • Denosumab – eine Injektion alle 6 Monate, hemmt gezielt bestimmte Abbau-Prozesse im Knochen
  • Teriparatid – ein synthetisches Parathormon, das den Knochen aktiv aufbaut (bei schwerer Osteoporose)
  • Raloxifen – wirkt östrogenähnlich, besonders für Frauen nach den Wechseljahren
  • Romosozumab – ein neuerer Wirkstoff, der gleichzeitig Aufbau fördert und Abbau hemmt

Alle diese Medikamente haben Vor- und Nachteile. Die Wahl hängt von Ihrer persönlichen Situation ab – Ihrem Alter, anderen Erkrankungen, weiteren Medikamenten. Bitte entscheiden Sie das gemeinsam mit Ihrem Arzt, nie auf eigene Faust.

Was ich aus meiner Praxis weiß: Viele Patienten nehmen Osteoporose-Medikamente nicht konsequent ein, weil sie keine Beschwerden spüren. Das ist verständlich – aber gefährlich. Die Medikamente wirken im Hintergrund. Regelmäßige Einnahme ist entscheidend.


Alltag mit Osteoporose: So schützen Sie sich vor Stürzen und Brüchen

Haben Sie bereits Osteoporose, ist Sturzprävention das A und O. Ein einziger Sturz kann gravierende Folgen haben – der gefürchtete Oberschenkelhalsbruch etwa bedeutet für viele ältere Menschen einen langen Krankenhausaufenthalt und ist leider manchmal ein Wendepunkt in der Selbstständigkeit.

Meine konkreten Tipps für mehr Sicherheit im Alltag:

  • Rutschfeste Teppiche und Matten – oder ganz weglassen, sie sind Stolperfallen
  • Haltegriffe im Bad – Dusche und WC absichern
  • Gute Beleuchtung – besonders nachts, Nachtlichter einbauen
  • Festes Schuhwerk – keine Pantoffeln ohne Halt, keine hohen Absätze
  • Sehhilfe regelmäßig anpassen – schlechtes Sehen erhöht die Sturzgefahr erheblich
  • Medikamente überprüfen lassen – manche Blutdruckmittel oder Schlaftabletten machen schwindelig
  • Hilfsmittel annehmen – ein Gehstock ist keine Schwäche, er ist ein kluges Hilfsmittel

Denken Sie auch an die psychologische Seite: Angst vor dem Stürzen führt oft dazu, dass Menschen sich weniger bewegen. Das verschlechtert alles – Muskelkraft, Gleichgewicht, Knochendichte. Reden Sie offen darüber. Bewegungsgruppen und Selbsthilfegruppen können sehr helfen.


FAQ – Häufige Fragen zu Osteoporose ab 60

Frage 1: Kann man Osteoporose heilen?

Eine vollständige Heilung im klassischen Sinne gibt es nicht. Aber mit der richtigen Behandlung lässt sich der Knochenabbau deutlich verlangsamen, stoppen oder sogar teilweise umkehren. Viele meiner Patienten leben mit konsequenter Therapie sehr gut und sicher – ohne Brüche, ohne Schmerzen. Früh anfangen lohnt sich immer.

Frage 2: Sind Kalziumpräparate wirklich sinnvoll?

Das hängt davon ab, wie viel Kalzium Sie über die Ernährung aufnehmen. Wer ausreichend Milchprodukte und kalziumreiches Gemüse isst, braucht oft kein Präparat. Wer das nicht schafft – aus gesundheitlichen Gründen oder persönlichen Vorlieben – kann von Präparaten profitieren. Aber Vorsicht: Zu viel Kalzium über Tabletten kann unter Umständen das Herzrisiko erhöhen. Lassen Sie sich beraten, bevor Sie einfach kaufen.

Frage 3: Muss ich als Mann mit 65 auch an Osteoporose denken?

Unbedingt. Osteoporose gilt zu Unrecht als „Frauenkrankheit“. Etwa jeder fünfte Patient mit Osteoporose ist männlich. Und gerade bei Männern wird die Diagnose oft zu spät gestellt, weil sie seltener zur Vorsorge gehen.

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Dr. Karl Hoffmann

✎ Geprüft von Dr. Karl Hoffmann

Dr. Karl Hoffmann ist Kardiologe und Internist mit über 25 Jahren Erfahrung in der Seniorenmedizin. Er hat an der Universität Heidelberg studiert und war langjährig als Chefarzt tätig. Seine Spezialgebiete umfassen Herzgesundheit, Blutdruckmanagement und altersgerechte Medikation. Alle medizinischen Inhalte auf Über60Plus.de werden von Dr. Hoffmann persönlich geprüft und freigegeben. Sein Ziel: verständliche, wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen für Menschen ab 60.

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